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Tasthaare: Bssssss hier funkt’s – alles „auf Empfang“

Tasthaare bei Haustieren: abschneiden verboten. Foto: pixabay Tasthaare bei Haustieren: abschneiden verboten.

Die Barthaare des Pferdes, die Schnurrhaare der Katzen oder die Schnauzenhaare des Hundes – jeder Tierbesitzer kennt sie und hat sie schon mal berührt. Es sind wahre sensorische Meisterwerke. Oft wurde schon darüber diskutiert, ob das Stutzen oder Entfernen dieser Haare bei Tieren aus ästhetischen Gründen (z.B. bei Schauhunden, Turnierpferden, usw.) zulässig ist. Bisher sind noch nicht alle Funktionen der Tasthaare unserer Vierbeiner geklärt, aber bereits das bisher bekannte „Leistungsspektrum“ dieser Sinnesorgane erklärt, warum das Entfernen gemäß Tierschutzgesetz verboten ist.

Was sind Tasthaare und welche Funktion haben sie?

Tasthaare – auch Vibrissen oder Sinushaare genannt – sind Haare mit spezieller Struktur. Sie sind fester und steifer also die normale Körperbehaarung und befinden sich vornehmlich am Kopf und im Gesicht der Tiere. Sie sind auch deshalb gut zu erkennen, weil sie deutlich länger sind als der Rest der Behaarung. Der Name Vibrissen stammt dabei vom Begriff „vibrieren“ – und in der Tat können die Tiere durch kleinste Luftzüge eine Vibration der Tasthaare wahrnehmen und dadurch ihre Umwelt „ertasten“ oder erkunden. Nagetiere bewegen die Vibrissen sogar rhythmisch, um ihre Umgebung taktil zu erfassen (die Haare sind von Muskeln umgeben, um eine aktive Bewegung der Haare zu ermöglichen). Da Tiere keine Hände haben, mit denen sie tasten können, sind die Vibrissen für sie sehr wichtig, um sich zu orientieren, Nahrung zu erkunden und Maße einschätzen zu können.

Mit dem Begriff Sinus bezeichnet man in der Medizin „Ausbuchtungen oder Höhlungen an Körperteilen oder Organen“. Sinushaare heißen die Tasthaare deshalb, weil ihre Wurzelscheiden von Bluträumen umhüllt werden, die sie wie ein Kissen in ihrer Position halten. Die umgebende Flüssigkeit puffert die Bewegung der Wurzel, denn an den Wurzelscheiden befinden sich ganz feine Rezeptoren, die schon bei winzigster Bewegung der Haare eine Nervenerregung auslösen und damit eine Information an das Gehirn weiter geben. Eine zu starke Bewegung der Haare würde wahrscheinlich zu einer Reizüberflutung führen, daher vermutet man hier, dass die Flüssigkeit auch eine Pufferfunktion hat. Die Bewegung des Haares führt nun zu einer Bewegung des Blutes und damit zu einer Nervenerregung, die an die Großhirnrinde (sog. Cortex) weitergeleitet und verarbeitet wird.

Obwohl jedes einzelne Tasthaar ein einzelnes Sinnesorgan darstellt, werden die eingehenden Informationen aller Tasthaare doch zu einem Gesamtbild zusammengefasst und ausgewertet.

Vibrissen: Welche Information geben die Rezeptoren an das Tier weiter?

Die Informationen, die über die Fibrissen gesammelt werden, sind vielseitig und variieren zwischen den einzelnen Tierarten. Vor allem sind es mechanische und sensible Nervenfasern, die das Haarfollikel innervieren.

Nacht- oder dämmerungsaktive Tiere (z.B. Nager) nutzen es zur Orientierung in der Dunkelheit und zur Nahrungssuche – sie tasten mit den Haaren Oberflächen ab, wie Primaten dies mit ihren Fingerbeeren tun würden. Beutetiere (z.B. Nager) können über Luftstromveränderungen wahrnehmen, ob sich gefährliche Jäger (z.B. Katzen) in der Nähe befinden und Pferden und Hunden dienen die Tasthaare zur Erkundung des Futters, und um nahe Entfernungen einschätzen zu können. Z.B. erhält das Pferd mit seinen Bart-und Nasenhaaren die Information, wie tief oder breit der Futtertrog ist, damit es nicht ungebremst auf den Boden des Troges schlägt und sich nicht klemmt. Und auch die Tasthaare um die Augen herum ermöglichen ein Wahrnehmen von Räumen, die das Pferd aufgrund seines eingeschränkten Sehfeldes sonst nicht sehen kann.

Seehunden helfen die Vibrissen – zusammen mit Ohren und Nase – Beute aufzuspüren. In Experimenten am Marine Science Center der Universität Rostock fand eine Forschergruppe um unseren Dozenten und Tiertraining-Seminarleiter Sven Wieskotten heraus, dass Seehunde allein mithilfe ihrer Tasthaare der Schwimmspur von Objekten (z.B. Beute) auch dann folgen können, wenn sie über Augen und Ohren keinerlei Reize wahrnehmen können. Andere Wissenschaftler fanden heraus, dass die Beutejagd ohne Nutzung der Vibrissen weniger erfolgreich war, obwohl Ohren und Nase den Ausfall der Tasthaare fast vollständig kompensieren konnten und umgekehrt.

Die Sinushaare dienen wahrscheinlich auch der Balance der Tiere (5) und sind wichtiger Teil im Sozialverhalten: die Stellung der Haare kann als Gesichtsausdruck der Kommunikation dienen, sie verrät dem Gegenüber die Stimmung seines Sozialpartners und kann in Kämpfen helfen schon kleinste Bewegungen des „Gegners“ zu bemerken. Die Tatsache, dass Tiere beim Tasten zwischen Nahrung und Sozialpartner unterscheiden können, lässt vermuten, dass auch abgesonderte Pheromone und akustische Signale von den Tasthaaren verarbeitet werden können. Und übrigens: die „Schnurrhaare“ der Katze haben nichts mit dem Schnurren zu tun. Der Name kommt wohl eher daher, dass die Tasthaare wie ein Schnurrbart aussehen.

Tasthaare: Was passiert, wenn die Sinushaare fehlen bzw. entfernt werden?

Das Schneiden der Tasthaare scheint keine direkten Schmerzen auszulösen. Selbst wenn das Gehirn das Fehlen von Tasthaaren schnell zu einem Großteil zu kompensieren scheint, so können doch nicht alle Funktionen wettgemacht werden. Andere Sinnesorgane scheinen einen Teil der Aufgaben mit zu übernehmen, aber eben nicht alle. Eine Entfernung oder ein kürzen der Vibrissen bei unseren Haustieren aus ästhetischen Gründen ist daher zu Recht verboten. Würde man Menschen die Fingerbeeren kappen, wenn sie nicht so schön aussehen? Sicher nicht!

Sarah Kopmann

Sarah Kopmann ist durch die ATM geprüfte und selbstständige Tierheilpraktikerin für Hunde, Katzen und Pferde, Dozentin bei der ATM und Mitarbeiterin der ATM und ATN. In der Arbeit mit ihren tierischen Patienten legt sie ein besonderes Augenmerk auf die Individualität jedes einzelnen Patienten und die ganzheitliche Betrachtungsweise. Das versucht sie auch ihren menschlichen Schülern mit auf den Weg zu geben: „Weg vom Kochrezept – hin zum individuellen und ganzheitlichen Therapieplan“. Schwerpunkte ihrer Arbeit als Tierheilpraktikerin sind u.a. die Akupunktur, Homöopathie und Mykotherapie.

Webseite: tierheilpraxis-kopmann.de

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