Fachartikel

Katzen: Ständiges Miauen kann Alarmzeichen sein

Katzen, die zu viel Miauen, können zur Belastung werden. Foto: Patricia Lösche Katzen, die zu viel Miauen, können zur Belastung werden.

Wenn Katzen ständig maunzen, steckt dahinter manchmal eine Erkrankung. Häufiger aber werden Katzen unbewusst zu Quasselstrippen erzogen. Am Ende kann sich Miezes übermäßige Gesprächigkeit zur Verhaltensstörung entwickeln, die das Mensch-Tier-Verhältnis sehr belastet. Möglichst frühes Eingreifen und vor allem Konsequenz schaffen Abhilfe.

Wann Katzen miauen

Das Miau erwachsener Katzen meint uns, den Menschen. Jedenfalls meistens. Untereinander käme Hauskatzen ein solches Verhalten selten in den Sinn. Ihre innerartliche Kommunikation verwendet meist Körpersprache. Katzenwelpen hingegen sind von Natur aus gesprächig. Ein zartes Welpen-Miau, ein mal mehr, mal weniger energisches Piepsen kommentiert die mütterliche Rückkehr oder grobes Spiel der Geschwister, kann Verlassenheit oder Hunger und Kontaktbedürfnis bedeuten. Mit dem Aufwachsen reduziert sich die lautgebundene Unterhaltung mit Artgenossen auf wenige Gelegenheiten. Was bleibt, ist ein gelegentliches Fauchen und Knurren, wenn ihnen ihr Gegenüber nicht gefällt, ein Schnurren unter Freunden. Nur in der Paarungszeit sind Katzen lauter miteinander im Gespräch, oder wenn zwei sich streiten.

Anders sieht das Miau als an Variationen reiche Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Dosenöffner aus - welcher Katzenbesitzer kennt und liebt das nicht. Ein zärtliches "Mrau" als Aufforderung zum Kuscheln. Ein zur Fütterungszeit energisch vorgebrachtes: Hurtig, mach den Napf voll, es drängt. Am Morgen ein ungeduldiges: Moin, raus aus den Federn. Bei der Rückkehr ein charmantes: Nett, dass du da bist, Deine Maus liegt vorn auf der Fußmatte, ich geh schon mal vor in die Küche. Kurzum: Uns gegenüber bleibt die liebenswerte Gesprächigkeit eines Katzenwelpen auch bei der erwachsenen Katze erhalten. Meist zur Freude ihrer Besitzer.

Eine Frage des Erfolgs

Doch wie unter Menschen gibt es auch bei Herrn und Frau Katze regelrechte Plaudertaschen. Das kann verschiedene Ursachen haben. Mag es bei einigen einfach dem Naturell entsprechen, ist es bei anderen erlernt. Ethologen und Therapeuten sprechen in diesem Fall von konditioniertem Verhalten. Am Anfang steht meistens der Zufall: Eines Tages stellt Maunzi fest, dass ihr Mensch reagiert, wenn sie das Plappern anfängt. Dann gibt es Aufmerksamkeit, Futter, Streicheleinheiten, Spielzeit, ein warmes Nest im Bett. Aus Katzenperspektive ein voller Erfolg. Und ein guter Grund, das Verhalten so oft wie möglich zu wiederholen.

Je häufiger der Erfolg, desto ausdauernder das Verhalten, wenn der Erfolg auf sich warten lässt. Ein Vorgang, der als „Lernen durch positive Verstärkung“ bezeichnet wird. Trainer ist der Mensch, ungewollt und oft genug ohne es zu merken. Am Ende könnte man sich die berechtigte Frage stellen, wer hier eigentlich von wem konditioniert wurde. Ob und ab wann das Ergebnis als störend empfunden wird, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Der eine genießt ausgedehnte Gespräche mit seiner Katze, andere sind bei gleicher Intensität bereits mit ihren Nerven am Ende.

Tierpsychologin und Fachdozentin Birgit Rödder: „Vor allem Einzelkatzen in kinderlosen Haushalten maunzen häufiger, da sie öfter beachtet werden, als eine von mehreren Katzen oder Katzen in allgemein lebhafter Umgebung."

Exzessives Maunzen selten bei Freigänger-Katzen

Freigänger neigen selten zu erlernten Exzessen in der Lautgebung. Meist sind es ausschließlich in der Wohnung gehaltene Tiere, die das für eine prima Idee halten und durch ihr Miau den Menschen animieren, sich verstärkt zu kümmern. Dahinter steht in diesen Fällen das oft berechtigte Bedürfnis eines gelangweilten Stubentigers nach mehr Abwechslung.

Katzensinne sind eine Glanzleistung der Natur, der Katzenkörper ein Wunderwerk der Biomechanik. Das will genutzt werden. Wer seinen Mitbewohner Katze auch ohne ein bittendes Miau körperlich fordert, geistig beschäftigt und emotional auslastet, dem stellt sich das Problem selten. Wenig sinnvoll sei es, so Katzenspezialistin und Fachbuchautorin Rödder, dieses Verhalten direkt zu bestrafen: „Wenn der Mensch es lange und ausgiebig verstärkt (belohnt) und dadurch die Katze entsprechend „erzogen“ hat, ist es äußerst unfair, sie anschließend für die nun als lästig empfundenen Äußerungen zu bestrafen."

Durchhaltevermögen und starke Nerven

Ist die Katze erst einmal über einen längeren Zeitraum erfolgreich gewesen, kann das Abgewöhnen schwierig werden. Der Mensch braucht dafür Nerven in Drahtseilstärke und heroisches Durchhaltevermögen. Katzen als geborene Ansitzjäger verfügen über schier unendliche Geduld und Ausdauer wenn es darum geht, auf einer lieb gewordenen Gewohnheit zu beharren.

Stundenlang kann ein Stubentiger als nächtlicher Sänger vor der Schlafzimmertür Konzerte geben, wenn sein Wunsch nach dem Bett größer ist als das Bedürfnis des Menschen, ihn im Bett haben zu wollen. Gibt dieser schließlich entnervt nach, hat er die Eintrittskarten für das nächste Konzert bereits gekauft. Denn nur wer als Mensch über einen längeren Zeitraum beharrlich und unbestechlich Widerstand leistet, hat eine Chance auf Erfolg. Wird die Ausdauer der Katze auch nur einmal zwischendrin durch Nachgeben belohnt, wird es hinterher um so schwieriger, oft unmöglich, ihr das Verhalten abzugewöhnen.

Einsame ängstliche Katzen können ausdauernd um Hilfe rufen, auch wenn sie lange in der Wohnung allein gelassen werden. (Foto: Patricia Lösche)

Hilfe statt Tierheim

Ohne fachliche Hilfe landen genervte Besitzer schnell in einer Sackgasse und die Katze im Tierheim. Besser ist es, sich von vornherein klar zu machen, was die Katze dürfen darf und was nicht. Gute Chancen für einen Erfolg bieten sich auch bei einem Umzug. Alte Gewohnheiten sind in neuer Umgebung viel leichter abzustellen. Bei einer liebevoll-konsequenten Haltung von Anfang an entwickeln ausgelastete Katzen selten lautmalerische Exzentrik.

Doch nicht immer ist das Dauer-Miau Marotte. Vor verhaltenstherapeutischen Maßnahmen muss eine ernsthafte Erkrankung ausgeschlossen werden, denn manche Krankheitsbilder gehen einher mit verstärktem Vokalisieren. Da wäre die Dauerrolligkeit nicht kastrierter Kätzinnen, denen eine Trächtigkeit versagt bleibt. Durch eine physiologische Besonderheit kann eine Katze so lange rollig, das heißt deckbereit bleiben, bis der Deckakt erfolgt ist. Bleibt ihr die Liebesnacht versagt, kann das Dauerrolligkeit mit ernsten gesundheitlichen Problemen nach sich ziehen. Eines davon ist langanhaltendes Maunzen, denn zur Rolligkeit gehört ein erhebliches Maß an Lautgebung, mit der die Katze Kater anlockt. Auch aus diesem Grund ist es ratsam, eine Kätzin, die keine Jungen bekommen soll, kastrieren zu lassen.

Ursache Taubheit und Demenz

Rein weiße Katzen sind genetisch bedingt häufig von Geburt an taub und vor allem ältere Katzen können einen oder mehrere Sinne teilweise oder ganz verlieren, was oft erst durch häufige Orientierungsrufe der Katze bemerkt wird. Fehlende oder eingeschränkte akustische oder optische Wahrnehmungsfähigkeit macht es der Katze nicht nur schwerer, sich zurechtzufinden, sie lässt die Welt der Katze verarmen und beeinträchtigt erheblich ihre Möglichkeiten zur sozialen Interaktion. Es wird vermutet, dass die parallel auftretende vermehrte Lautgebung nicht nur Orientierungshilfe ist, sondern dass dahinter auch das Bedürfnis nach Kontakt steht.

Wie ältere Menschen leiden alte Katzen manchmal unter Demenz, die auch mit zunehmender Schwatzhaftigkeit einher gehen kann. Tumore im Spätstadium, einige innere Erkrankungen oder unerkannte Unfallfolgen verursachen Schmerzen, die selbst für die tapfere Katze unerträglich sind. Dann ist das Miau als Au zu verstehen. Hormonelle Störungen, Angst oder Konflikte mit der Mitkatze kommen als Ursache ebenfalls in Betracht.

Verhaltenstherapeuten hinzuziehen

Exzessives Maunzen kann die Beziehung zwischen Mensch und Katze ernsthaft auf die Probe stellen, vor allem dann, wenn es die eigene Nachtruhe und die der Nachbarn stört. Bleibt das Problem nach Ausschluss oder Behandlung organischer Erkrankungen bestehen, ist eine Verhaltensstörung bei der Katze wahrscheinlich. Zur Therapie sollte möglichst frühzeitig ein ausgebildeter Verhaltenstherapeut hinzugezogen werden (eine bundesweite Therapeutenliste gibt es beim Berufsverband der Tierverhaltensberater und -trainer ). Der Versuch lohnt sich immer.

Oft reduzieren schon einfache Management-Maßnahmen die Gesprächigkeit einer Katze auf ein erträgliches Niveau. Beispielsweise kann ein zeitgesteuerter Futterautomat aufgestellt werden, wenn Mikesch stets morgens um vier lautstark nach Fütterung verlangt. Dann kann sich Mensch wieder freuen über ein freundliches Begrüßungs-Miau am Morgen.

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. Seit 2014 schreibt sie für ATM und ATN Blogbeiträge, ist Autorin von Skripten und betreut als Tutorin die Studierende unterschiedlicher Fachbereiche. In die Wissensvermittlung fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und 1.Vorsitzende im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

ATN Online Magazin

Soziale Netzwerke

ATN Rückruf Service

ATN Studienberatung Rückruf Service beantragen!

Rückruf anfordern