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Wolf & Co 2017

6. Internationales Canidensymposium 2017 in Berlin Foto: Wolf & Co, andamanec, Fotolia 6. Internationales Canidensymposium 2017 in Berlin

Gelungene Veranstaltungen schätzt man rückblickend auf vielen Ebenen – den vordergründigen und den subtileren. Das 6. Internationale Canidensymposium „Wolf & Co.“ gehört 2017 unbedingt dazu. Ende Mai führte es die Fans der Hundeartigen ebenso zahlreich in die deutsche Hauptstadt wie Forscher aus aller Welt – um zu fachsimpeln, Geschichten, Erfahrungen und Erkenntnisse zu teilen und auch, um einmal ganz tief die Hoffnung zu schöpfen, dass es mit dem Wolf in Deutschland und Europa doch ein gutes Ende nehmen wird. Ein gemeinsames, das geprägt ist von Achtsamkeit, Respekt, Bewusstheit und Toleranz und das uns auf das Hin und Her, die Meinungsmache und die vielen auf Befindlichkeiten beruhenden Diskussionen der Gegenwart mit Nachsicht und Gelassenheit zurückblicken lässt.

Wolf & Co 2017 und die Wölfe in Deutschland

Die Frage, ob es der Wolf in Deutschland schaffen wird, wurde Wolfsforscher Günther Bloch auf dem Canidensymposium mehr als einmal gestellt. Und mehr als einmal beantwortete er sie zuversichtlich. Bloch glaubt an den Wolf, und er glaubt an die Menschen, die sich einsetzen und anpassen, nachdenken und entscheiden – nachhaltig, klug und im Bewusstsein dessen, was eine Entscheidung bewirkt.

Günther Bloch war es, der „Wolf & Co.“ 1999 ins Leben gerufen hat. Grundgedanke war, einer breiteren Öffentlichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse über Wolf, Hund und Hundeartige vom Dingo bis zum Löffelhund zugänglich zu machen. Die 6. Ausgabe des Canidensymposiums markiert für Bloch nun den Eintritt ins Rentendasein, das er komplett in Kanada verbringen wird. Ob er sich allerdings wirklich zur Ruhe setzt, bleibt für seine Freunde und Kollegen aber fraglich – er ist viel zu sehr Freigeist und „Freigänger“, der es auf einem Sofa wahrscheinlich nur aushalten wird, wenn es draußen in der Wildnis steht und als Ausguck taugt.

Wolf & Co: Forschung erleben

Die Referenten des Canidensymposiums 2017 erschienen mit bemerkenswerten Beiträgen am Rednerpult, einer spannender als der andere. Und auch, wenn die einzelnen Vorträge unterschiedlicher nicht hätten sein können, so zog sich doch ein gemeinsames Thema durch die Essenz aller: die Anpassungsfähigkeit der Hundeartigen, über die man zugegebenermaßen nur staunen kann. Und die uns immer wieder vor Augen führt, wie vermessen es ist, zu glauben, wir wüssten wie Hunde sind oder wie Wölfe, Kojoten oder wer auch immer zu sein und sich zu verhalten hätten.

Schöne Beispiele dafür brachten Andrey Poyarkov, Mike Gibeau und Jonathan Way mit zu „Wolf & Co.“, neben Günther Bloch selbst drei von zahlreichen weiteren Referenten. Poyarkov studiert Moskaus Straßenhunde und hat hier spezifische Typen identifiziert, die unterschiedliche Verhaltensstrategien verfolgen, verschiedene ökologische Nischen besetzen und sich auch in ihrem Erscheinungsbild unterscheiden. Der Eindruck, dass Caniden echte Kulturen etablieren, ließ sich dabei schwer von der Hand weisen. Poyarkov war übrigens auch der, der vor einigen Jahren die „Moskauer Metro-Hunde“ beschrieb, eine Gruppe von Hunden, die scheinbar ganz gezielt die U-Bahn nutzten, um von einem Ort zum anderen zu fahren.

Jonathan Way hat in seiner nordamerikanischen Heimat auch schon die „Suburban Coyotes“ beim U-Bahnfahren erwischt, ganz entspannt auf einem Sitz zusammengerollt und in die Kamera blinzelnd. Ursprünglich Prairie-Bewohner, haben sich die Kojoten zu Kulturfolgern entwickelt und im Schlepptau des Menschen den gesamten nordamerikanischen Kontinent erobert, erläuterte Mike Gibeau – und erste Tendenzen zeigen, das Südamerika als nächstes an der Reihe sein könnte. Bemerkenswert ist, dass „Kulturfolge“ bei vielen Kojoten so weit geht, dass sie komplett auch in die Großstädte gezogen sind und es Populationen gibt, die nicht einmal mehr eine Ahnung davon haben, dass sie eigentlich in die Prairie gehören. Und nicht nur das: Kojoten verpaaren sich auch noch munter mit Rotwölfen und haben damit einer neuen Spezies aus der Taufe geholfen – dem Coywolf. Auch er hochanpassungsfähig, insbesondere an die kaum enger denkbare Koexistenz mit dem Menschen im urbanen Raum.

Auch in Deutschland: Evolution vor der Haustür

Die Entspanntheit derer, die tagtäglich freilebende Caniden beobachten und auch im Nahbereich so viele Begegnungen mit Wolf und Co. hatten und haben, dass sie sie kaum mehr zählen können, wünscht man sich für Deutschland. Sicher, gerade der Wolf fordert uns heraus, zwingt uns dazu, unsere Werte, Ansichten und Strategien zu hinterfragen. Und es mutet fast wie ein Wink mit dem berühmten Zaunpfahl an, dass der Wolf ausgerechnet grau ist und nicht etwa schwarz oder weiß.

Dabei könnte uns bald noch mehr „innere Auseinandersetzung“ mit dem, was Anpassungsfähigkeit ausmacht und schlicht und ergreifend Natur und natürlich ist, ins Haus stehen. Denn: Der Goldschakal hat nach Deutschland gefunden. Erst kürzlich ist einer in Niedersachsen einem Fotografen vor die Linse gelaufen. Der einzige ist er hierzulande bestimmt längst nicht mehr, und mit dem Coywolf im Hinterkopf ist es ganz sicher nicht undenkbar, dass vielleicht irgendwann in näherer oder fernerer Zukunft – wer weiß das schon – neben Wolf und Goldschakal auch ein „Golf“ oder „Scholf“ durch deutsche Wälder zieht. Oder unsere (Vor)Städte. Von wo aus er dann möglicherweise jeden Morgen mit der S-Bahn auf Nahrungssuche ins Umland fährt, während der Kumpel aus dem Nachbar-Clan aus Bio-Tonnen lebt und die Nerds der C-Familie einfach warten, bis Omma mit den Hundedosen aus dem Supermarkt kommt.

Würden wir so etwas aushalten – einschließlich des einen oder anderen Unfalls, den es vielleicht gibt? Die Russen und die Kanadier versuchen es, obwohl es auch hier Streit um die richtige Strategie im Umgang mit den Caniden gibt – bei den einen in Bezug auf Straßenhunde und mehr oder weniger verwilderte Streuner, bei den anderen mit Wölfen, Kojoten und Coywolfs, um an dieser Stelle bei den Caniden zu bleiben. Was für ein Geschenk ihnen zu Teil wird: die Evolution spielt ihre Karten aus, direkt vor ihren Augen. Erzählt ihnen vielleicht ganz nebenbei auch noch eine Geschichte über den Beginn der Domestikation. Wenn wir der Evolution vor unserer Haustür kein Ende setzen, heißt es immer wieder „Fortsetzung folgt“. Gibt es irgendetwas, das spannender sein könnte?

Danke, Günther!

Für Günther Bloch und seine Forscherkollegen lautet die Antwort ziemlich sicher „nein, es gibt nichts spannenderes“. Und wer bei Wolf & Co 2017 dabei war, denkt wahrscheinlich nicht anders. Für alle, die es verpasst haben, gibt es die Homepage des Canidensymposiums mit der Vorstellung der Referenten und den Abstracts ihrer Vorträge zum Schmökern. Außerdem ist zum Thema Wölfe in Deutschland ein neues Buch von Günther Bloch und Elli Radinger auf dem Markt, ein echter Tipp nicht nur für „Wolfsfreunde“, sondern auch für die Skeptiker, die Bedenkenträger und die, die Isegrim lieber wüssten, wo der Pfeffer wächst. Wir tun gut daran, uns auseinanderzusetzen, zu streiten und um Lösungen zu ringen – das gehört zum Prozess.


Illustration unter Verwendung eines Fotos von Fabio Palella, Fotolia.

Zugegeben – der verlangt etwas von uns. Er verlangt, Ungewissheit auszuhalten, ausgerechnet in einer Zeit, in der uns anscheinend nichts wichtiger ist, als Gewissheit zu haben. Er verlangt Ambiguitätstoleranz, ausgerechnet in einer Zeit, in der die meisten von uns gar nicht mehr wissen, dass es das gibt. Und er verlangt von uns eine Antwort auf die Frage, wer wir sein wollen, ausgerechnet in einer Zeit, in der wir gewohnt sind, sie mit einem Selfie zu beantworten.

Veranstaltungen wie Wolf & Co dürften gern öfter stattfinden, denn sie bringen die Stimmen derer zu Gehör, die aus eigener Erfahrung und eigener Beobachtung berichten – und nicht bloß vom Hörensagen. Wer anfängt zu forschen, findet hinter jeder Antwort neue Fragen. Oder wie T. S. Eliot schrieb: „Am Ende all unseren Forschens werden wir feststellen, dass wir genau dort angekommen sind, wo wir begonnen haben – und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“

Günther Bloch weiß, wie sich das anfühlt. „Man geht raus und beobachtet – viele Stunden, hunderte, tausende – und dann gelangt man irgendwann zu einer Erkenntnis, glaubt ‚so machen sie das‘ oder ‚dann und dann verhalten sie sich genauso‘. Und dann geht man am nächsten Tag wieder raus. Und wird Zeuge von etwas, das die ganze schöne Erkenntnis sofort und vollständig wieder über den Haufen wirft.“ Das lehre Demut, meint der Wolfsforscher, ziehe einem jeden neumalklugen Zahn und lasse einem eine regelrechte Allergie gegen Pauschalisierungen wachsen.

Versuch macht klug, sagen die Lerntheoretiker, und wir möchten ergänzen: Hingucken auch. So mancher „Wolfsberater“ könnte uns auch was vom Pferd erzählen, das hat er wahrscheinlich wenigstens schon mal gesehen.

„Geht raus in die Natur und guckt“, sagt Günther Bloch. Recht hat er. Bleibt auch uns nur noch, Danke zu sagen, lieber Günther. Du sprichst uns aus dem Herzen. Hab eine gute Zeit in Kanada!

Judith Böhnke

Judith Böhnke, ist ATN-Absolventin mit Spezialisierung auf Hund und Katze sowie VDTT-Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin der ATN. Besonders wichtig ist ihr ein achtsamer, gewaltfreier Umgang sowohl mit den Tieren als auch den Tierhaltern. In ihrer Arbeit folgt Judith Böhnke dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, welches sie auch auf die Mensch-Tier-Beziehung anwendet. Im Kosmos-Verlag ist 2013 ihr Buch "Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren" erschienen, 2014 folgte ebenfalls bei Kosmos "Cocker Spaniel - Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung".

Webseite: www.mensch-tier-akademie.de

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