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Katzenverhalten: Stromschlag zur Begrüßung

Stromschlag Foto: Birgit Rödder Stromschlag

Es gibt viele Ursachen, die eine Katze aggressiv und/oder ängstlich reagieren lassen. Eine wird oft übersehen. Sie ist unsichtbar, hält sich bevorzugt im Winter in beheizten Wohnungen auf und bedroht jede gute Beziehung der Betroffenen: die Elektrostatik. Ein Kurzschluss zwischen meinem Zeigefinger und Jamie’s Nase zeigte mir neulich, dass es wieder einmal Zeit ist, solchen schrecklichen Zwischenfällen vorzubeugen. Dafür gibt es gleich mehrere Tipps und Tricks.

Stromschlag: das Übel und seine Ursache

Das Phänomen kennt wahrscheinlich jeder: beim Ausziehen des Pullovers knistert es und die Haare stehen lustig zu Berge. Weniger spaßig sind kleine Stromschläge, wenn man den Kühlschrank, das Auto, den Aktenschrank oder einen anderen Menschen berührt. Es gibt zwar Schlimmeres, aber nach einigen solchen Erfahrungen steht man sehr, sehr zögernd vor dem fraglichen Objekt – oder Kunden, der die Hand zur Begrüßung reicht. Denn schließlich sind wir alle konditionierbar und möchten Schläge, welcher Art auch immer, gerne vermeiden. Die Objekte sind zwar schnell verhasst, aber mit dem betroffenen Mitmenschen können wir trotzdem gut leben. Wir wissen ja, dass elektrostatische Aufladung schuld ist und nicht er (oder sie).

Stromschlag: Katzen kennen die Ursache nicht

Richtig übel ist allerdings, wenn es die Katze erwischt. Ihre physikalischen Kenntnisse halten sich in engen Grenzen. Sie sieht ihren Lieblingsmensch, berührt seine freundlich entgegengestreckte Hand – mit ihrer Nase – und erhält einen Schlag. Ihre Schlussfolgerung liegt nahe: dieser Mensch ist böse!

Foto: Birgit RödderFoto: Birgit Rödder

Schlimme Konsequenzen

Eine solche Erfahrung ist umso dramatischer, weil die Katze eine angenehme Zuwendung erwartete, die sich stattdessen als das herausstellt, was wir allgemein eine positive Strafe nennen: ein „Schlag“ auf ihre Nase. Berührungen von Ohrspitzen oder anderen Körperteilen mit diesem Ausgang erträgt sie nur unwesentlich leichter. Und als wäre das nicht schlimm genug, ist es auch noch ihr menschlicher Sozialpartner, der „überraschend zuschlägt“. Aus ihrer Sicht ein grober Vertrauensbruch. Bei einer guten Beziehung legt sich die Angst schnell, aber nur, wenn es nicht so bald wieder vorkommt. Aber trotzdem: wer schon selbst elektrostatische Entladungen zu spüren bekommen hat, der kann die skeptischen Blicke seiner Katze bei der nächsten Annäherung verstehen und auch, warum sie vielleicht sogar zurückweicht. Schließlich sind auch Katzen lernfähig.

"Foto:Foto: Birgit Rödder

Wie entstehen elektrostatische Auf- und Entladungen?

Elektrostatik, die „ruhende Elektrizität“, sorgt auch in anderen Lebensbereichen für Missmut, z.B. beim unfachmännischen Einbau von Computerbauteilen, die – einmal nicht aufgepasst – schnell schrottreif sind. Denn Elektrostatik ist, kurz gesagt, Strom ohne erkennbare Stromquelle, der zwar nicht lebensbedrohlich ist wie der verwandte Blitzschlag, aber stark genug, um elektronische Bauteile funktionsuntüchtig zu machen.

Die elektrostatische Energie entsteht u.a. wenn wir über einen positiv geladenen Fußboden gehen, besser noch schlurfen. Vor allem Böden oder Teppiche aus Kunststoff sind oft elektrostatisch geladen. Durch diese Reibung laden wir unseren Körper negativ auf und bei Berührungen geerdeter „Teile“, d.h. metallischer Gegenstände oder z.B. Katzen, fließt schmerzhaft Strom. Trockene Luft begünstigt die Entstehung sehr hoher elektrostatischer Ladungen, weshalb dieses Phänomen im Winter bzw. in geheizten Räumen eher auftritt als im Sommer in gut gelüfteten.

Stromschläge: wie kann man sie vermeiden?

Dem unerfreulichen Stromfluss gehen wir aus dem Weg, indem wir uns erden - im physikalischen Sinn, d.h. wir leiten den Strom (letztendlich) in den Erdboden. Oder wir sorgen dafür, dass wir uns gar nicht erst nennenswert aufladen.

Die wirksamsten Möglichkeiten sind:

    • Böden aus Holz, Metall oder Stein bevorzugen. Sie bauen kaum oder keine elektrostatische Ladung auf. Dagegen sind Kunststoffe i.d.R. nichtleitend, können deshalb nicht geerdet werden und es entstehen schnell Spannungen.
    • Kleidung aus Baumwolle wählen. Kunstfasern, aber auch Seide und Wolle, laden sich ebenfalls auf, Baumwolle deutlich weniger und nur bei großer Trockenheit (s.u.).
    • Weichspüler oder Trocknerkugeln bzw. -bälle aus Wolle verwenden. Je steifer die Kunststoff-Kleidung, desto besser kann sie sich aufladen. Und Trocknerkugeln können auch schöne Spielzeuge sein, findet vielleicht so manche Katze. Weichspüler soll auch wirken, wenn man ihn – mit viel Wasser verdünnt – auf die Kleidung sprüht.
    • Kleidung an der Luft trockenen lassen. Schont nicht nur die Umwelt, sondern verringert außerdem die Aufladung.
    • Backsoda vor dem Waschen auf die Kleidung pudern. Etwa eine Viertel Tasse neutralisiert die Ladung – und beseitigt nebenbei unangenehme Gerüche.
    • Schuhe bzw. Sohlen aus Leder oder speziellen antistatischen Materialien tragen. Gummisohlen garantieren geradezu elektrostatisches Aufladen.
    • Mich selbst entladen: das funktioniert durch Berühren geerdeter Teile, z.B. Wasserleitung oder Heizkörper, natürlich bevor man die Katze berührt. Den Schlag bekommt dann nur der Mensch ab, aber wenigstens muss Mieze nicht darunter leiden.
    • Die Luftfeuchtigkeit in der Wohnung erhöhen. In trockener Luft mit weniger als 40% Luftfeuchte baut sich durch Reibung schnell elektrostatische Ladung auf. Wassernäpfe braucht man sowieso, Trinkbrunnen sind zumindest luftfeuchtigkeitstechnisch noch wirkungsvoller.
    • Mein Favorit: Finger anfeuchten, bevor man die Katze anfasst. Einmal in die Hände gespuckt und schon ist der Spuk vorbei. Ein paar halbe Tröpfchen reichen zum Verreiben, aber nicht zu lange warten, denn die Finger sollen eben nicht trocken sein. Es darf natürlich auch klares Wasser sein. Ganz nebenbei kann man mit leicht feuchten Händen sehr effektiv lose Haare aus dem Katzenfell streichen, die Mieze dann nicht herunterschlucken muss.
    • Feuchtigkeitslotion bzw. Handcreme wirkt auch, sollte aber von der Katze ausgesucht werden. Vor allem Palmöl ist bei Katzen nicht beliebt, ebenso wenig wie manche Parfüms. Und da die Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, lässt man Mieze bei der Wahl mitreden.

Ich wünsche allen eine spannungsfreie Winterzeit!

Diplom-Biologin Birgit Rödder

Die Diplom-Biologin Birgit Rödder studierte Biologie an der Universität Bonn und Tierpsychologie an der Open University of Veterinary Science in London. Sie ist seit 1997 selbstständig als Tierverhaltenstherapeutin und Tierpsychologin tätig, hat für die ATN mehrere Skripte zur Ethologie der Hauskatze verfasst und betreut unsere Studierenden der Katzenverhaltensberatung und der Tiergestützten Arbeit mit Katzen als Tutorin und Dozentin. Als echte Spezialistin in Sachen Katzenverhalten hat sie den Buchmarkt mit zahlreichen Publikationen bereichert, darunter etwa die "Katzen Clicker-Box" und „Was Katzen wirklich wollen“ in Zusammenarbeit mit Dr. Mircea Pfleiderer. Als ATN-Dozentin lehrt Birgit Rödder bereits seit 2009 die Ethologie der Katze und im Bereich Tierpsychologie u.a. die Themen Lernverhalten, Verhaltenstherapie und Mehrkatzenhaltung.

Webseite: https://catility.de

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